Wenn der Traum endet

Wenn der Traum endet –

alles wieder an seinem Platz.

Vertrautes zurück in der Ordnung,

der Zug nicht versäumt:

Alles war nur geträumt.

Verzerrtes geglättet zur Normalität,

Obszönes wohlanständig gebettet –

Und das Läuten treibt Tag in die Kathedrale der Nacht,

Einsicht verhüllt heimkehrende Bacchanten gnädig in ihrer Nacktheit.

Wenn der Traum endet, stehst du wieder auf deiner Seite des Flusses,

den Fuß setzt keiner von uns ein zweites Mal hinein.

Oktobertag

Von den Alpen herab zieht der Föhn.

Elefanten schütteln ihre goldenen Ketten.

Das Klirren hört man bis hinunter zum ersten Frost.

Äpfel ziehen den Ast

hinab in den schattigen Grund;

erröten vor dem Auge nachdenkliche Betrachter;

wie viele Tage noch braucht der Wein,

bis er herb wird wie das Land?

Frost fällt auf die Kelter,

von jetzt auf gleich sind wir älter,

einer legt den Finger auf den kühlen Saum der Nacht;

drüben, wo sie für das Morgen bauen,

fällt Mondlicht trunken in den Schacht.

Spiele im Herbst

Das Gras kühler

Die Bäume erröten

Scharfnarbig der Acker

Weiße Hosen der Spieler auf

Septembergras

Flutlicht da drüben: Diamanten in den Hügeln

weiches Grün, vieldeutiger Schatten

Mostig vergorene Lavendelkühle dunkelt im Rauch

Lachen, Stimmen, die letzten Heimkehrer, ein später noch – dann Sterne

Als es nach Schulanfang roch,

Im feuchten Morgensilber und in der Ferne

Modelleisenbahn

Baute ich eine Modelleisenbahn,

es stünde nicht die Zahl der Züge

an oberster Stelle;

gesetzt wäre nur ihr Alter; das Archivbild-Rot

der Schienenbusse, der Diesel-Lokomotiven;

Ich platzierte am Rand des Plastiktannenwäldchens

eine rastende Gruppe winziger Wanderer;

an die Scheune neben dem rührend blau gemalten Fluss

lehnte ich ein Fahrrad – der Fahrer aufgegangen in der Beobachtung des Horizonts.

Ich malte ins lichtblaue Himmelsdiorama die zartesten Federwölkchen,

trocknete dann das duftend feuchte gläserne Blau mit dem Föhnwind.

Abendschatten fielen nun schon auf die grauen Bänder der Straßen, Scheinwerfer der Modellautos flammten auf über der Kuppe aus Pappmaschee.

Ein Traum – und dann Schnee.

Schüttbild

Die Farbe der Wörter

im Kaffeebecher kreisen lassend,

so steht er selbstvergessen vor der Leinwand des blauen spätsommerlichen Himmels.

Nimmt innerlich Anlauf,

tritt einen Schritt zurück und allen Mut zusammen,

schleudert ungebremst das Wort.

Und satt, satt wird ihm dieser Himmel,

unendlich weit und schmerzhaft in seiner Schönheit.

Ein finzicontinischer Schmerz, der gut, ist,

beweist er doch, dass man lebt,

dass wider Ekel und Zweifel, wider Getrenntsein und Vorwurf,

wider Fremdsein und Angst

einer heimisch werden kann in sich selbst.

Salz im Kaffee

Verfolgergruppe der Süßstofflichkeit –

Nostalgie will kleben.

Man sieht sich immer zweimal –

im Leben.

Du hast den Ausdruck gar zu gern:

„Im Leben“

Sich berühren, vertrauen,

durch geschlossene Lider sehen.

Gehen mit -hinter präfigieren.

Man sieht sich immer zweimal –

im Leben.

Du kennst des Pudels Kern –

im Leben.

O My Love Is Like A Red, Red Rose

Lyrisches Ich

Du hast nach Bürgerlichkeit gerochen,

nach Waschpulver, Döner,

Biogemüse – manchmal nach deinem Lieblingsparfum.

Dies nur selten – doch:

Es hat zum lyrischen Ich gesprochen.

Du hast an einem der ersten warmen Märztage

in meiner Nähe nach Schweiß gerochen,

nach schnellen Wegen, Alltagshetze,

nach deinem genetischen Parfum.

Ich konnte dich gut riechen.

Da hat dich mein lyrisches Ich gerochen.

Der Flacon ist erst viel später zerbrochen.

Mairegen

Treffe mich im Mairegen

wie damals im Schatten der Gärten.

Mach nass mich wie Mairegen

im Dunkel des Baumsaums am Weg.

Treffe mich im Mairegen!

Es hat mir nicht gereicht zum Popliteraten;

meinen Flop-Attentaten

(wie rührend)

applaudiert nur ein harter, in Wahrheit ein ganz weicher Kern.

Treffe mich im Mairegen!

Im Mairegen!

Im Mairegen

wird eine schöne Nacht sein.