Schibboleth

Lüge schmeckt metallisch, kupferner Kloß im Hals

Stimme passt nicht zu dir

Wahrlich, es braucht viel, soll sie perfekt sein

Nur Geübten zu empfehlen

Also, nimm Abstand!

Im Leben eines Taugenichts

streicht der Wolf in der hellen Nacht um den Berg

Du hattest nicht die Wahl 

Wie schön: du nennst dich

Zum guten Schauspieler muss man geboren sein

im schlechten Stück

Ich Kriegsverletzter hinter dem Mond

Die Zeit hat alles eingeholt

Castoreum

Sie veränderten die Parfums.

Doch ewig:

„Van Cleef“, geraunt,

Zauber halbseiden –

trugst du in Hotels

zu deinem Vorteil sicher

dionysische Ausdünstung

Biebergeil

„Aigner No. 2“, zugeraunt von der Schulbank,

dann mitgebracht aus der großen Stadt

„Azzaro“ und sehr, sehr tief „Courreges“

Du und ich, wir stürzten

Im Cacharel-Moment in der Bushaltestelle,

selig trunken, zwanzig und vierundzwanzig,

alt genug, uns zu entzweien,

die Erinnerung später zu inhalieren

aus dem Zerstäuber der

„Secretions magnifique“

Narnia

Kaum ein Kilometer

vor deiner Tür

da liegt ein Land, ein Ort

Gatter lose, informell die Grenze

Komm! Steig ein! Verschaff dir Zutritt

zur Baumreihe weisend Richtung Vollmond-Ewigkeit im Blau

Sammle Zapfen, Zweig und Schneckenhaus

Gewundene Schale verlassen – oder wohnst du ihr inne?

Wer weiß das schon?

Das alles wird klar auf kurzem Rückweg

Von ein paar hundert Metern Wildblumen

Liebend nur kann die Hand sein,

die sanft das Gatter schließt

Eines Tages frei

Ein alter Mann, den Bauch voller Hafer,

er schläft unter Tage und träumt

die Sätze und Worte, die Grammatik von Traum,

streicht im Schlaf über Haare und Locken und Flaum

Ein alter Mann, am Morgen voller Wachheit,

er brennt halb in der Nacht noch und wälzt sich

über Glut halb verloschen, scharfkantigen Splittern

Neu ist der Tag nun und frisch wie die Luft hinter Gewittern

In den April (ungeschickt)

Es ist halbwegs so warm

wie am Ersten Mai

an diesem ersten April

in verdrehtem Jahr

Das Licht von sechs Uhr

hört die sieben Schläge der Glocke

Ich grüße dich nicht, weil ich dich kenne

Du wünscht mir nichts,

weil du zu wissen glaubst,

dass ich weiß,

dass du weißt.

April, April: Staubwolken ziehen übers Feld

in der Karwoche

Verdrehte Uhr beschleunigt Richtung Sommer

Ich weiß, dass du weißt

Zwischen uns

Im Mondschatten des Nachtgartens stand Gatsby einst

halb krank vom Bann des grünen Lichts

Magnetismus des winzig kleinen Punkts jenseits des trennenden Wassers

Seine gelbe, lederchrombekotflügelte Sommerkutsche

auf der freien Fahrt ins Nichts im Tal der Asche

Im Teich im jazzverklungenen Garten

ist so viel Wahrheit wie in deinen Blicken, deinen Berührungen

man sieht sie rückblickend, wenn man auf dem Wasser treibt

Ein Liebesgedicht

Ich habe gern gelebt im Turm von Elfenbein –

gegen seinen Ruf durchaus auf festem Fundament

von Sandstein, Mergel, Hasenohr,

Keuper, Doline und Rost-Altar

Ich habe gern gelebt in der Illusion

immer zwischen den Zeilen

Als Wortalchemist nahm ich das Deinige von der Goldwaage,

feierte das bisschen in der Phantasie

Heute mörsere ich

Rost und Knochen

mit Goldstaub und Wochen

zu einer Arznei,

die bitter schmeckt

und erwachsen